Die Sache mit dem "H"

hbbh Das "Problem"
Die sieben Stammtöne werden in der englischen Sprache nach den ersten sieben Buchstaben des Alphabets bezeichnet:

A-B-C-D-E-F-G

Im Deutschen, aber auch im Schwedischen und im Dänischen wird anstelle des "B" das "H" verwendet. Da es den Tonnamen "B" in der deutschen Bezeichnung der Töne aber auch gibt, kommt es gerne zu Verwechslungen. In der Literatur finden sich zahlreiche Versuche den vermeintlichen Fehler zu umgehen.

Vermeintliche Lösungen
Zum Beispiel findet man gelegentlich folgende Lösung:
Die Benennung des Tones "H" erfolgt in deutscher Schreibweise und zur Verdeutlichung des erniedrigten Tones B wird dann englisch notiert, also Bb-H. Das ist wenig überzeugend und höchstens eine Notlösung für ein Problem, dass es gar nicht gibt. Bei Wikibooks gibt es bsw. einen Artikel zu dieser Notations-Auffassung. Die Behauptung des Autors "...die semi-deutsche Notation..." hätte sich "... eingebürgert...", steht allerdings unbewiesen im Raum.

Ähnlich verhält es sich mit der beliebten Erzählung, dass ein Mönch durch einen Schreibfehler die deutsche Benennung erzeugt hat (vgl. Frank Haunschild " Die neue Harmonielehre", Band 1, S.14). Allein schon der Umstand, dass bei dieser Geschichte auf Fakten verzichtet wird, lässt erkennen, dass wir uns hier im Reich der Sagen befinden. In der Regel wird von den Autoren kein Name und Datum genannt. Wer soll der Mönch gewesen sein? Ebenfalls ist die latente Unterstellung der momentanen Dummheit, Unachtsamkeit und/oder Flüchtigkeit eines Einzelnen, die eine jahrhundertelange geänderte Notationspraxis nach sich zog extremst unglaubwürdig und wissenschaftlich nicht haltbar. Die Geschichte ist halt schön griffig und da spielt die Stichhaltigkeit und der Wahrheitsgehalt scheinbar keine Rolle. Da gerne abgeschrieben wird, findet das o.g. Märchen eine unglaubliche Verbreitung, ähnlich dem sogenannten Quantensprung, der faktenfrei umgangssprachlich (auch von prominenter Seite) anders verwendet wird.Die Wahrheit ist wie so oft komplizierter, hat praktische Gründe und hat sich nicht aus dem Moment heraus entwickelt, sondern ist über einen längeren Zeitraum so entstanden. Wen es interessiert, erfährt bei Wikipedia mehr dazu.

Sprachregelung
Empfehlenswert ist es auf jeden Fall alle gängigen Bezeichnungen zu kennen und notieren zu können. In der pop-musikalischen Literatur trifft man häufig auf die englische Notation, außerdem sind musikelektronische Geräte wie Stimmgeräte bsw. ebenfalls für den internationalen Markt in englischer Sprache beschriftet.

Zur mündlichen Benennung der Tonnamen ziehe ich aber die deutsche Benennung vor. Es gibt genügend Anglizismen im Musikbereich, die auch manchmal besser sind oder lässiger klingen (WhammyBar, Distortion, Crunch Sound, Lead Tone, Riff, Lick, Pick Scrape, Dive Bomb, Constant Structure etc.). Hier geht es aber um klare Kommunikation und Vermeidung von Verständnisfehlern. Wenig hilfreich ist bei der Erstellung von Lehrmaterial direkt auch gleich eine neue und nur für dieses Werk gültige Bezeichnung der Ton-Namen einzuführen, wie es z.B. Frank Haunschild in seiner Harmonielehre macht. Aber auch Autoren wie Andreas Scheinhütte, Jürgen Kumlehn und Jens Kienbaum versuchen sich an der vermeintlichen Verbesserung der deutschen Benennung. Obwohl sicherlich aus guter Absicht erwachsen, nämlich der Vereinfachung der Benennung, ensteht zwangsläufig das Gegenteil:
Verwirrung!
Das liegt häufig auch daran dass die Benennung inkonsequent umgesetzt wird, wie bsw. die deutsche Bezeichnung in Klammern dazu zu notieren, Tonleitern deutsch und Akkorde englisch zu notieren etc.. Hier im Einzelnen:

J. Kumlehn-Kumlehns neues E-Gitarrenbuch: Er benennt die Töne und Akkorde englisch, gibt aber nicht an wie man das erniedrigte h verbalisieren soll, (wahrscheinlich "bebe"). Auf S. 26 seiner E-Gitarrenschule schlägt er vor, dass man bei "Unklarheiten" wegen des Tones ( h oder b) lieber nochmal nachfragen solle. Das ersparte man sich wenn man bei Deutschen bliebe und gibt übrigens auch einen dezenten Hinweis, dass sich der Autor mit seiner "Verschlimmmbesserung" wohl auch nicht ganz sicher ist. Zur Begründung der Umbenennung erwähnt er ebenfalls wie Frank Haunschild die unbewiesene Geschichte des schreib- oder leseschwachen Mönchs.

A. Scheinhütte-Schule der Rockgitarre: Benennung der Tonleiter-Töne in deutsch (S. 52) und Akkordik (S. 116) gemischt deutsch/englisch (H bleibt H, B wird zu Bb - allerdings kein Aussprachehinweis)

Jens Kienbaum-Abenteuer Gitarre Bd. 1: Herr Kienbaum behauptet, dass die Deutschen die einzigen wären, die das "h" verwenden (S.8) , was nicht stimmt und fordert hier gar eine Noten-Rechtschreibreform. Wie seine Kollegen verwendet er die Anglifizierung dann leider auch inkonsequent nur bei der Akkordik und benennt die Tonleitern und auch die Tonarten deutsch. Ich wiederhole mich, aber der Hinweis sei gestattet: Nach seiner Benennung gäbe es eine B-Dur Tonart mit den Tonleiter-Tönen b c d es f g a statt englisch Bb C D Eb F G A und den Hauptakkorden F-Dur Bb-Dur und C-Dur statt F-Dur B-Dur und C-Dur. So erzeugt man Verwirrung.

Rolf Tönnes-Gitarre spielen mein schönstes Hobby Bd.1: Hier werden die Skalen-Töne bei der Einführung neuer Töne deutsch bezeichnet (S. 56, neue Note "b"). In der Griffbrett-Übersicht (S. 93) hingegen werden die Töne englisch und deutsch gemischt (H bleibt H, B wird zu Bb). Das ist widersprüchlich. Die Akkordik bezeichnet er im Lehrbuch englisch gibt aber keinen Aussprachehinweis.

Alle genannten Lehrwerke sind überaus empfehlenswerte Gitarrenschulen, die ich oft und gerne im Gitarrenunterricht verwende, weil sie das wesentliche Element einer Gitarrenschule gut vermitteln und ansprechend aufgebaut sind. Auch Haunschilds Harmonielehre ist ein von mir gern empfohlenes Werk und hat bis auf die erwähnte Unstimmigkeit durchaus seine Berechtigung und seine Qualitäten. Nur die o.g. Bezeichnungsversuche verkomplizieren einen einfachen Sachverhalt völlig unnötig und verursachen Verwirrung bei den Schülerinnen und Schülern.

Wie man sich die deutsche Benennung der Stammtöne merken kann habe ich hier aufgeschrieben.

Bei der Tonbezeichnung hilft vielleicht die folgende Übersicht:

Die Bezeichnungen der Töne
Stufe: I IIIII IV V VI VII
Deutsch: CCis/Des DDis/Es E FFis/Ges GGis/As AAis/B H
Englisch: CC#/Db DD#/Eb E FF#/Gb GG#/Ab AA#/Bb B
engl. Aussprache: C sharp
D flat
D sharp
E flat
F sharp
G flat
G sharp
A flat
A sharp
B flat
B (sprich: Bi)


Das eigentliche Problem bei der Anglifizierung ist die Verwechslungsgefahr, da es den Ton "B" in beiden Sprachen gibt. Allerdings sind das verschiedene Töne!

bh

   deutsch: H
   entspricht
   englisch: B
deutsch: B
entspricht
englisch: Bb

Die C-Durtonleiter kann man also in deutscher oder englisch-sprachiger Benennung notieren

C - D - E - F - G - A - H
(deutsch)


C - D - E - F - G - A - B
(englisch)

bh


Damit es jetzt nicht zu Mißverständnissen kommt, sollte man meiner Meinung nach grundsätzlich deutsch lesen:
ce - de - e - eff - ge - a - ha

nicht so
ce - de - e - eff - ge - a - b.

Denn sonst stellte sich die Frage, wie man das notierte "Bb" deutsch aussprechen soll. "bebe" klingt doch eher wie ein Pflegeprodukt und "bes" (ein Vorschlag von Frank Haunschild in seiner Harmonielehre) ist nicht gebräuchlich und erzeugt zumindest bei klassisch-ausgebildeten Musikern Achselzucken. In diesem Umfeld ist übrigens bisher auch noch niemand auf die Idee gekommen bsw. das Nocturne op. 9, Nr, 1 in b-moll von Frédéric Chopin (1810-1849) als bes-moll-Nocturne zu bezeichnen. Zudem wird an der Hochschule doch überwiegend deutschsprachige Literatur zur Harmonielehre (Lehmacher/Schröder,Diether de la Motte, Grabner etc.) verwendet, in der natürlich die deutsche Bezeichnung Verwendung findet.

Manche Autoren greifen bei der Benennung des erniedrigten Tones "h" auf die englische Bezeichnung zurück und nennen ihn einfach englisch ausgesprichen B flat. Sorry Leute, das ist echt gaga oder zumindest nicht "zu Ende" gedacht. Die C-Durleiter hiesse dann:

C - D - E - F - G -A - B - C

und F-Dur dann:

F - G - A - B flat - C - D - E - F.

Richtig irre wird es dann bei Akkorden. Die Akkordfolge C - Am - F - B - C müsste man dann so verbalisieren:
C-Dur, A-Moll, F- Dur, B flat Dur, C- Dur.
Chopins Nocturne hiesse dann, wie bereits beschrieben, nach dieser Logik B flat-Moll-Nocturne.
Das berühmte Kreuz-Motiv B-A-C-H nach dem Namen Johann Sebastain Bachs wäre in deutscher Sprache gar nicht in Töne umsetzbar. Es hieße dann bsw Bes-A-C-H oder auch bi flät-a-c-b

Als Argument für diese idiotische Bezeichnung eines seit Jahrhunderten bewährten Benennungs-Systems wird die angebliche Internationalität der englischen Bezeichnung angeführt. Das entspricht nicht den Fakten. Deutschland, Östereich, Schweiz, Schweden, Spanien, Italien, Frankreich, Russland etc. halten sich auch nicht an die sogenannte internationale Schreibweise. Und warum? Weil man üblicherweise in der Landessprache kommuniziert. Auch Musikerinnen und Musiker tun das und "der gemeinsame Nenner" ist doch dann die Benennung musikalischen Parameter in der eigenen Sprache.
Eine Veränderung der bewährten Tonbezeichnung durch Einführung eines anglizierten Mischsystems ist daher meines Erachtens sinnlos und erleichtert die Kommunikation nicht, sondern erschwert sie, da man im Gespräch mit anderen Musikerinnen und Musikern immer erklären muss, dass man einzelne Töne entgegen der üblichen Nomenklatur englisch bezeichnet und dafür neue Namen erfunden hat.
(bsw. den Tonnamen "bes" für das erniedrigte "h")

Die o.g. deutsche Aussprache ist daher auch bei der sprachlichen Artikulation von Akkorden sinnvoll :

Bm7 - Bb7#5 - BMaj7

Lies: H-Moll-7- B 7-Kreuz-5 - H-Major-Sieben
(englisch: B minor seven, B flat dominant 7 sharp 5, B Major Seven)

Literatur:
1. Gründliche Abhandlung über die Unnütz- und Unschicklichkeit des H im musikalischen Alphabete : nebst einer Anmerkung, die künstlichen Töne betreffend (aus dem Jahre 1797)

2. WikiBooks: Musiklehre: Das Problem mit dem Notennamen H

g Februar 2011 - In der schwedischen Zeitung "Uppsala Nya Tidning" hat die Musikwissenschaftlerin Ann-Marie Nilsson einen Artikel zu diesem Thema verfasst.
Sie spricht dort über die Noten-Namen und unterstreicht die Bedeutung der Musiklehrer, die die gleiche Sprache sprechen.